Medizin-Texte auf dem Prüfstand
Körper und Seele

Medizin-Texte auf dem Prüfstand

Marcus Anhäuser lacht ins Telefon, als ich frage, wie denn die Kritik angenommen wird. „Nun ja,  es war schon klar, dass  man sich damit nicht nur Freunde macht“. Anhäuser ist leitender Redakteur für das Projekt Medien-Doktor, ein Angebot von Journalisten für Journalisten. Mehrmals pro Woche beurteilen erfahrene Medizinjournalisten als Gutachter medizinjournalistische Beiträge in Print- , TV- , Hörfunk und Online-Medien. Dies wird streng nach festgelegten Kriterien gemacht. Seit November 2010 ist das Projekt online, angesiedelt  am Lehrstuhl Wissenschaftsjournalismus der Technischen Universität Dortmund.

„Für uns steht der Nutzen der Artikel für den Leser, Zuhörer oder Zuschauer immer im Vordergrund“, erklärt Anhäuser das Ziel. Insgesamt werden die Texte auf zehn Kriterien abgeklopft. Darüber hinaus werden Themenauswahl, Vermittlung und Faktentreue überprüft. Auch die Vorgehensweise hat sich eingespielt. Immer zwei Gutachter erhalten einen Rohtext zur Überprüfung, wissen dabei nicht, wo dieser erschienen ist. Wissen auch nicht, wer ihn verfasst hat. Marcus Anhäuser fasst dann die Gutachten zusammen, und stellt sie ins Netz, nachdem auch Projektleiter Holger Wormer noch einmal drauf geschaut hat.

Die Idee entstand, nachdem man ähnliche Seiten in USA, Kanada und Australien gesehen hatte. Und nicht zuletzt, weil immer mehr Medien das Thema Gesundheit in größerem Umfang berücksichtigen. „Dabei wissen wir auch, dass nicht immer allein die Autoren für einen Text verantwortlich sind“, erläutert der Redakteur von medien-doktor.de. Oft sind Schlussredakteure im Spiel, oder eine Redaktion, die den Text noch einmal bearbeitet. Deshalb stehen in den Gutachten auch keine Namen der Autoren, weil man ja nie sagen könne, wer letztlich für einen Fehler verantwortlich ist. „Ein Autor muss sich deshalb auch keine Sorgen machen, dass eine schlechte Bewertung in seiner Google-Liste landet“, beschreibt Anhäuser das Verfahren.

"...manchmal Ärger in jeder Zeile"

Neben Anerkennung erfährt das mittlerweile 25-köpfige Team vom Medien-Doktor natürlich auch Kritik an der Begutachtung. „Da spürt man manchmal Ärger in jeder Zeile“, weiß Marcus Anhäuser, und betont erneut, dass es nie um die Person gehe, die den Text erstellt habe. Besonders gutes Feedback kommt von Ärzten, denn häufig kommen Patienten mit Artikeln in die Praxis. „Und die sind, je nach Qualität, nicht immer erfreut über solche Beiträge“, erklärt Anhäuser im Gespräch. Mit dem Verweis auf den Medien-Doktor können sie ihren Patienten vermitteln, dass nicht alles stimmen muss, was in der Zeitung über Therapien und Medikamente steht.

Die Erfahrungen der letzten Jahre will man den Journalisten nun in auch anderer Form zukommen lassen: Angeboten wird eine Vorrecherche zu ganz konkreten Themen . „Und wir werden in absehbarer Zeit das Angebot für den Umwelt-Journalismus erweitern“, so Anhäuser. Er selbst, erfahrener Journalist ohnehin, sieht mittlerweile auf einen Blick, ob ein journalistischer Beitrag eher gut oder schlecht ist. „Die Kriterien, die wir erstellt haben, sind für solche Texte wie ein Geländer.“ Nicht nur, um die Qualität eines Beitrags zu bewerten, sie helfen auch bei der Recherche, weil sie einen Autor daran erinnern, was für Leser oder Zuschauer wichtig sein könnte. Letztlich ist das Kriteriengeländer auch für den normalen Leser nutzbar. Sie helfen ihnen gute von schlechten Medizinberichten zu unterscheiden.