Körper und Seele

Gegen Standard-Formulierungen bei Behinderung

Leider viel zu oft noch selbstverständlich: Rollstuhlfahrer sind „an den Rollstuhl gefesselt“, Menschen mit Behinderung „leiden“, sie werden immer wieder als „tapfer“ bezeichnet. Die alltägliche Sprache in den Medien findet immer wieder viele Standard-Formulierungen, wenn über Menschen mit Behinderung berichtet wird. Leider entstehen dabei falsche Bilder, denn diese Menschen  gelten schnell als etwas, was sie nicht sein wollen – anders und unnormal. Was sie wollen: Als gleichberechtigt und normal wahrgenommen zu werden.

Das Projekt Leidmedien.de ist eine Internetseite für Jounalistinnen und Journalisten, die über Menschen mit Behinderungen berichten wollen. Das Ziel ist, eine Berichterstattung aus anderer Perspektive und ohne Klischees zu ermöglichen. Dazu gibt es auf der Seite eine Menge schlechter und guter Beispiele, viele Tipps, und eine ganze Reihe von Informationen zum Thema.

Wir haben einige Fragen zu diesem Projekt gehabt. Und Projektleiterin Lilian Masuhr war so nett, uns diese zu beantworten.

Gab es eine Initial-Zündung, um das Projekt leidmedien.de aus der Taufe zu heben? Und wer genau sind die Gründer?

Die Idee zu Leidmedien.de hatte der Gründer des Berliner Vereins SOZIALHELDEN, Raúl Krauthausen. Er ist selbst Rollstuhlfahrer und wurde in den Medien oft als “Held” gefeiert, der soziale Projekte “trotz seiner Behinderung” erfolgreich verwirklicht. Also fragte Raúl den Pressesprecher der SOZIALHELDEN, Andi Weiland, und die Journalistin Rebecca Maskos, die selbst Disability Studies studiert hat und auch Rollstuhlfahrerin ist, ob sie Lust hätten zu den Paralympics 2012 einen Online-Ratgeber für die Berichterstattung über behinderte Menschen zu starten. Mich kannte Raúl noch aus unserer gemeinsamen Zeit beim Jugendradiosender Fritz (rbb) und zusammen mit Rebecca Maskos übernahm ich die Projektleitung von Leidmedien.de.

Wie hat sich die Sprache um das Thema Behinderung in den letzten Jahren entwickelt? Gibt es Veränderungen? Wenn ja, welche?

Während früher noch häufiger Begriffe wie “Behinderte” fielen, hat sich mittlerweile der Begriff “Menschen mit Behinderungen” oder “behinderte Menschen” verbreitet, aber noch nicht komplett durchgesetzt. Wir beobachten eine verstärkte Berichterstattung über behinderte Menschen, dabei auch immer wieder kreative Umsetzungsideen wie spannende Reportagen ohne Darstellungen, die Mitleid oder Faszination erregen, oder auch interessante Animationen, die z.B. das Prinzip der Inklusion erklären. Dennoch fallen uns täglich Artikel und Sendungen in die Hände, die immer noch klischeehaft über behinderte Menschen berichten. Gerade las ich beispielsweise, dass Jamie Oliver “trotz seines Handicaps” ja auch ein erfolgreicher Koch wurde und sich nicht als Versager fühlt. Manchmal haben wir das Gefühl, dass nur Wörter ersetzt werden, aber nicht die Vorstellung, dass die Behinderung nicht vom Menschen, sondern von der Umgebung geprägt wird. Wir haben noch eine Menge vor uns.

Welche Erfahrungen habt ihr seither gemacht? Wie wird das Projekt aufgenommen? Gibt es auch Kritik daran?

Die Resonanz war überwältigend, viele Medien haben über uns berichtet wie die taz, das Deutschlandradio oder Zapp - Das Medienmagazin vom NDR. Von JournalistInnen bekamen wir das Feedback, dass sie unsere Tipps sehr hilfreich für ihre Arbeit annahmen, und von Betroffenen hörten wir, dass sie die Umsetzung des Themas sehr gelungen und wichtig fänden. Mittlerweile schicken uns LeserInnen auch Artikel zu, die sie für diskussionswürdig halten und auf unserer Facebook-Seite wird lebhaft diskutiert. Außerdem beobachten wir auf Twitter, dass NutzerInnen direkt an Nachrichtenredaktionen Kritik-Tweets absetzen. Wir erhalten auch laufend Vorschläge für neue Themen wie Behinderungen durch psychologische Krisen oder Demenz-Erkrankungen. An Kritik gab es unter anderem den Hinweis, dass es doch auch behinderte Menschen gebe, die aufgrund ihrer Behinderung leiden würden und wir daher nicht unbedingt kritisieren sollten, dass das Leid in einem Aritkel thematisiert würde. Wir sind der Meinung, dass JournalistInnen immer individuell ihr Gegenüber fragen sollten, ob sie oder er das Leid thematisieren möchte.

Wisst ihr von ähnlichen Projekten in anderen Ländern? Wenn ja, gibt es schon einen Austausch?

Bisher kennen wir bereits das Blog “Disabilityplanet” aus England und Media-Disability aus den USA, die sich mit der Medienberichterstattung über behinderte Menschen beschäftigten. Neulich erhielten wir auch eine Anfrage aus Bulgarien, das dort eine ähnliche Plattform wie Leidmedien.de geplant ist. Wir sind also gespannt was da noch vielleicht aus anderen Ländern kommen wird.

Wie ist denn die Sprache im Netz? Was fällt euch besonders auf? Und welche Möglichkeiten habt ihr durch das Netz?

Es gibt ja schon lange Blogs, die sich explizit mit dem Thema Behinderung beschäftigen. Bei großen Zeitungen wird nun auch gehäuft über Menschen mit Behinderungen berichtet, seit der Film “Ziemlich Beste Freunde” so ein Erfolg war, seit Samuel Koch den Unfall bei “Wetten, dass...?” hatte und nun Malu Dreyer Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz wurde. Allein an letzterem Beispiel merkten wir neulich, dass die Tatsache, dass Frau Dreyer im Rollstuhl sitzt, überproportional häufig im Fokus eines Artikels steht, statt mehr über ihr politisches Programm zu berichten. Über unsere Auftritte in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter können wir schnell mit LeserInnen über Artikel diskutieren und somit einen Spielraum an Interpretationen ermöglichen. Und die Diskussionen sind durchaus kontrovers, da wir keine Meinungshoheit beanspruchen, sondern eher zum Dialog anstiften wollen.