Gesundheit

Vom Patienten zum Entscheider in Sachen "Medikamente"

Ist man Patient, braucht man Medikamente, das ist klar. Sie sollen helfen, das Leben einfacher zu machen, schmerz- und beschwerdefrei zu gestalten und körperliche Fehlfunktionen ausgleichen. Je nach Erkrankung ist man ein Leben lang auf Medikamente angewiesen, manchmal nur für einen bestimmten Zeitraum.

Sobald man ein Medikament einnimmt, ist man in einen Prozess eingebunden, der sich aus Verhandlungen, Änderungen, Budgets, Preisen und der Begleitung durch den Arzt zusammensetzt, die vor der Ausgabe stehen. Viele Dinge davon passieren im Hintergrund und nicht immer sind sie für einen mit unmittelbaren Auswirkungen verbunden, dennoch ist es ein Thema, dass mittelbar auf jeden Patienten Wirkung entfalten kann.

Es ist ein Prozess, über den nicht wirklich viel bekannt ist. Ein ausgedehntes und nicht immer einfaches Verfahren in dem verschiedene Parteien wie Vertreter der Pharmaindustrie, der Gesetzgeber, Behörden und nicht zuletzt die Krankenversicherungen über die Preisgestaltung bei Medikamenten entscheiden.

Patienten informieren und bilden

Im Juni fand zum Thema „Regeln, Preisgestaltung und Kostenübernahme von Medikamenten“ ein Kurs an der „London School of Economics and Political Sciences“ statt und machte die Teilnehmer quasi zum Entscheider in Sachen „Medikamente“. Organisiert wurde der Kurs von der efna (European Federation of Neurological Assoziations), die daran interessiert ist, Patienten zu informieren und zu bilden.

Rund 30 engagierte Teilnehmer unter anderem aus Deutschland in meiner Person, dann aus Belgien, Rumänien, Polen, Frankreich, Spanien, England, Litauen, Bulgarien, der Slowakei waren nach London gereist, um dort an dem Kurs teilzunehmen, der von Professor Panos Kanavos und seinem Team geleitet wurde.

Das Spannende war, dass viele der Teilnehmer selbst Patienten sind und unter anderem an Multiple Sklerose, Parkinson, Rheuma und Krebs erkrankt sind oder waren. Aber auch Vertreter der Huntigton Association, Vertreter des europäischen Parlaments und Berater, die sich mit Patientenrechten und Patienteninformationen waren gekommen.

Der Kurs dauert zwei Tage und wird von verschiedenen Spezialisten und einem dicken Ordner begleitet. Gesprochen wird Englisch und es ist nicht immer einfach. Wer nicht native Speaker war, nutzte die Zeit für gezielte Fragen in den Pausen. Denn die Dozenten sind immer anwesend und bereit, jemandem Vorgänge noch einmal genauer zu erklären. Ein Service, der die LSE ausmacht und den ich bereits so vom letzten Jahr kenne, als ich bereits einen anderen Kurs dort absolvierte. Im aktuellen Kurs war dieser Service auch nötig, denn die vermittelten Inhalte sind sehr komplex und es gilt, viele Faktoren zu betrachten.

Wird ein Medikament auf den Markt gebracht, geht dem ein langer und kostspieliger Prozess aus Forschung und Entwicklung, Studien und Verträglichkeitsprüfung voraus. Nicht selten sind bereits innerhalb dieses Prozesses viele Millionen „versenkt“ worden, weil eine scheinbare Innovation doch nicht wirkt oder so beträchtliche Nebenwirkungen verursacht, dass die Forschung an diesem Wirkstoff eingestellt werden muss.  Diese Phase kann über 7 bis 12 Jahre dauern und verursacht  Kosten, die nicht gerade gering sind und irgendwie wieder verdient sein wollen. Verständlich, finde ich.

Die andere Seite ist, dass die Medikamente auch bezahlt werden müssen. In Deutschland wird das von den Krankenkassen übernommen. Auch sie müssen auf Kosten achten und wirtschaftlich arbeiten. Sie sind maßgeblich an dem Prozess beteiligt. Ein Medikament muss finanzierbar sein. Für alle, denn am Ende bezahlen die Versicherten diese Kosten durch Ihre Beiträge.

Ethische und moralische Fragen

Dass dies sorgsam von den einzelnen Beteiligten verhandelt werden muss, ist klar. Neben wirtschaftlichen Fragen geht es in diesem Bereich auch um ethische und moralische Anliegen und auch das Thema Lebensqualität muss einbezogen werden. Im Kurs wurden diese Problematiken vorgestellt und diskutiert. In Fallstudien schlüpften wir Teilnehmer in die Rolle der Verhandler und Entscheider, also in die der Pharmaindustrie, der Krankenkassen, der Behörden und anderer Beteiligter, die am Ende dafür sorgen, dass Patienten nötige Medikamente zu fairen Konditionen erhalten.

Eine spannende Sache, auf einmal umdenken zu müssen und die eigene Seite neutral betrachten zu lernen. Ein Perspektivenwechsel, der alle beeindruckte und so manche heiße Diskussion zwischen den einzelnen Rollen auflodern ließ. Auf einmal mussten wir entscheiden und bemerkten, dass wir auch über das Leben von Patienten sprachen, das wir quasi irgendwie beeinflussen würden. Eine für manchen Teilnehmer unangenehme Situation, die aber auch die Sinne und das Bewusstsein dafür schärfte, was in diesen Entscheidungsprozessen passiert. Wir lernten, man kann nicht immer allem und jedem Wunsch gerecht werden, so gerne wir das wollten. Eigentlich eine Erfahrung, die wir alle kennen.

Ein zum Teil krasser Perspektivenwechsel, wenn man sich oft mit der Patientenperspektive beschäftigt und einer, der nicht immer leicht fiel. Dennoch machte es Spaß, dem hohen Anspruch des Programms gerecht zu werden. Hat man am Ende aber das Zertifikat in der Hand, weiß man mehr über die Komplexität des Themas, was auch am vom Professor verordneten Perspektivenwechsel liegt, den ich nur jedem, übrigens auch umgekehrt, nur empfehlen kann.