Körper und Seele

Heiko Kunert: Barrierefreiheit ist nicht selbstverständlich

Wie barrierefrei ist das Internet? Wie barrierefrei ist es etwa für sehbehinderte oder blinde Menschen? Können sie an diesem Angebot Internet teilhaben? Einige Fragen, die ich Heiko Kunert gestellt habe.

Hallo, Heiko, vielleicht stellst du dich einfach kurz vor.

Mein Nameist Heiko Kunert. Seit Januar 2013 bin ich Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg, bei dem ich zuvor fünf Jahre lang die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betreut habe. Ich bin 36 Jahre alt und bin blind.

Wie könnt ihr als blinde Blogger an diesem Internet teilhaben, wie sieht dazu euer Setup aus?

Mein PC und mein Smartphone können sprechen. Eine sogenannte Screenreader-Software setzt den Bildschirminhalt so um, das er von einer synthetischen Sprachausgabe vorgelesen werden kann. Zusätzlich ist an meinem Rechner eine Braillezeile angeschlossen. Das ist ein Gerät, das den Bildschirminhalt in Blindenschrift ausgibt.

Woran arbeitest du gerade aktuell?

Dauerthemen in meinem Beruf sind natürlich alle Fragen rund um die Vermögensverwaltung des BSVH, der Personalentwicklung, des Fundraisings und vieles mehr. In unserer politischen Arbeit spielt das Thema Barrierefreiheit eine große Rolle. Das betrifft den öffentlichen Raum, U-Bahnen und Busse, Radio und TV und das Internet. In den letzten Monaten habe ich mich etwa immer wieder mit der Zugänglichkeit von Parteien-Websites befasst.

Wie barrierefrei ist denn dieses Internet?

Pauschal kann man über „das Internet“ keine Aussagen fällen. Das Ergebnis fällt von Website zu Website sehr unterschiedlich aus. Während staatliche Einrichtungen wie Ministerien, Behörden, aber auch öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten zur Barrierefreiheit verpflichtet sind, gilt dies für privatwirtschaftliche Webangebote nicht. Da setzen manche Accessibility um, andere tun das nicht. Selbst bei den Parteien ist Barrierefreiheit nicht selbstverständlich.

Wo klemmt es, was nervt dich?

Immer wieder fehlt es an im HTML ausgezeichneten strukturierenden Überschriften und an sogenannten WAI-Aria-Landmarks. Beides würde mir das Navigieren auf Websites erleichtern. Ein weiterer „Klassiker“ ist das Fehlen von aussagekräftigen Alternativtexten bei Grafiken oder Schaltflächen. Und auch manche innovativen und dynamischen Social-Media-Tools oder manche Smartphone-App erfüllt die Anforderungen an Zugänglichkeit nicht.

Wie können sich nach eurer Erfahrung sehbehinderte Menschen im Internet vernetzen? Wo sind die Chancen? Gibt es Risiken?

Ich empfinde die Möglichkeiten von Blogs, sozialen Netzwerken und Microblogs als große Bereicherung. Manchmal muss man sich bei der Nutzung etwas durchwurschteln (Stichwort: Barrieren), aber bisher hat es sich immer gelohnt. Das Risiko ist, dass man sich zum Beispiel mit einer App gerade arrangiert hat und sie plötzlich nach einem Update nicht mehr nutzbar ist, weil Accessibility-Regeln beim Relaunch nicht berücksichtigt wurden.

Habt ihr Beispiele, die euch positiv oder negativ aufgefallen sind?

Ich bleib mal bei sozialen Netzwerken: Positiv fällt mir da auf, dass es in letzter Zeit bei Facebook (auf der Internetseite und in der iPhone-App) immer wieder Optimierungen hinsichtlich Barrierefreiheit gab. Das zeigt mir, dass selbst so ein komplexes Gebilde wie ein soziales Netzwerk zugänglich sein kann, wenn die Macher es nur wollen. Die Macher von Google+ hingegen wollen es nicht. Hier komme ich bis heute mit meiner Hilfstechnik fast gar nicht zurecht. Noch ein Vergleich: Während LinkedIn recht gut mit Screenreader genutzt werden kann, hat Xing es bis heute nicht geschafft, sein Angebot zu optimieren.

Was muss sich für euch in Zukunft noch verbessern?

Barrierefreiheit sollte selbstverständlich werden – in der Stadt, in Gebäuden und im Web. Wenn man von Anfang an die Grundregeln einhält, ist sie auch nicht teuer. Teuer wird es immer erst dann, wenn man aufwändig nacharbeiten muss. Wird Barrierefreiheit hingegen schon bei Ausschreibungen mit aufgenommen, dann ist ihre Umsetzung kein Problem. Letztlich bedarf es aber auch eines gesellschaftlichen Klimas, in dem die Teilhabe von Menschen mit Behinderung als Selbstverständlichkeit und als Menschenrecht verstanden wird.