Blogschau:
Körper und Seele

"Mach' es doch einfach selbst"

Hallo, stellst du dich kurz vor? (Ihr könnt‘ auch gern anonym bleiben, kein Problem)

Hallo, ich bin Marcel, 24 Jahre jung, lebe im wunderschönen Köln und habe 2009 mein HIV-Positives Testergebnis erhalten. Über meine Erfahrungen mit der Diagnose, aber auch über andere gesellschaftliche und soziale Themen, blogge ich und veröffentliche Videos auf YouTube. Nebenbei bin ich als Aktivist unterwegs, sitze zum Beispiel im Community Board (eine Art Vorbereitungsgruppe) für den Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongress 2015 und in der Jury des HIV-Community-Preises, referiere auf Veranstaltungen und besuche Kongresse. Vor ein paar Wochen habe ich für meine Aktivitäten im Netz den Medienpreis der Deutschen AIDS-Stiftung verliehen bekommen.

Wo finden wir dein Blog? Und wo finden wir dich im Internet noch?

Meinen Blog finden Mann und Frau unter derteilzeitblogger.wordpress.com, mein Kanal auf YouTube heißt Teilzeitvlogger, und ansonsten bin ich bei Facebook und Twitter  unter @Teilzeitvlogger unterwegs.

Wann und warum hast du mit dem Bloggen begonnen?

Das begann ein paar Monate nach meiner Diagnose. Ich war damals auf der Suche nach Leuten, die mir ähnlich sind und von ihren Erfahrungen berichten können. Glücklicherweise habe ich auch welche im Netz gefunden, das war anfangs sehr hilfreich. Leider waren diese aber bedeutend älter und leben schon sehr lange mit HIV. Als junger Mensch, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hatte, habe ich mir aber andere Fragen gestellt, hatte andere Wünsche und Probleme, als diese Generation. Da es niemanden gab, der in meinem Alter war und sichtbar im Netz auftrat, habe ich mir gedacht: Mach es doch einfach selbst. Relativ schnell habe ich viele Rückmeldungen bekommen und sah mich bestärkt weiter zu machen.

Was war schwierig beim Beginn?

Ich konnte mir damals nicht vorstellen, wer meine Blogs und Videos liest/anschaut. Daher war es schwierig für mich, was auf mich zukommt. Wie soll ich mich verhalten? Was kann ich schreiben und was nicht? Mittlerweile gibt es da eine einfache Regel: Schreib und erzähle dass, was Du willst. Nur einige private Dinge sind tabu.

Gibt es besondere Geschichten seither?

Irgendwann, als ich immer mehr Leser und Zuschauer hatte, habe ich ein Abonnententreffen veranstaltet. Es war cool, weil tatsächlich Leute gekommen sind, sogar ziemlich viele. Ein Mädchen hat mir erzählt, dass ihr Vater an AIDS verstorben ist. Er war nach ihrer Aussage aber bis zum Schluss sehr glücklich. Sie konnte nie verstehen warum. Dann sagte sie, seitdem sie meine Aktivitäten verfolgt, kann sie es ein Stück weit nachvollziehen. Das war sehr berührend.

Was bedeutet dir das Bloggen heute?

Viel! Es ist mein Sprachrohr! (M)eine Möglichkeit mit vielen Leuten zu kommunizieren. Ich bin politisch. Bloggen ist meine Art, der Welt meine Gedanken dazu mitzuteilen.

Was nervt?

Nerven ist das falsche Wort. Mich stört es manchmal, dass jeder anonym seinen Senf abgeben kann und genau diese Anonymität nutzt, um andere Leute zu beleidigen. Ich mag Diskussionen, aber ich lehne es ab, wenn Kommentare unsachlich und persönlich werden. Das muss nicht sein. Man sollte sich auch im Netz so verhalten, wie man es auch sonst tut und andere so behandeln, wie man selber behandelt werden will.

Was wünscht du dir für das Internet?

Ich wünsche mir, dass es nicht mehr als Medium, dass man als Aktivist nutzt, belächelt wird. Natürlich muss Aktivismus auch immer in der Realität stattfinden, nur virtuell funktioniert es nicht. Aber das Internet bietet unglaubliche Möglichkeit sich einzubringen und zu äußern. Gerade die, die sonst keine Chance dazu haben, können hier sichtbar werden. Das sollte endlich angemessene Beachtung finden.

Und sonst? (Platz für Grüße und Küsse….)

Fetter Gruß an alle Menschen, die sich, in welcher Form auch immer, für eine bessere und gerechtere Gesellschaft engagieren! Ihr rockt!