Körper und Seele

Jung, frech und informativ - Shift.ms

Multiple Sklerose. Wer diese Diagnose bekommt, dessen Leben verändert sich meistens auf vielfältige Art und Weise. Die entzündliche Erkrankung des Nervensystems kommt in Schüben, und immer, wenn ein Schub kommt, setzt eine Körperfunktion quasi aus. Auf einmal kann man nicht mehr richtig sehen, greifen oder gehen. Manchmal für eine bestimmte Zeit, manchmal bleibt der Schaden aber. Es kann viel passieren, es muss aber auch nicht.

Hat man MS, ist es oft schwer, Kontakt zu anderen zu finden. So wie für George Pepper aus England, der mit 22 Jahren seine Diagnose bekam. George war auf der Suche nach Erfahrungen und Tipps für die Zukunft und fand heraus, dass es extrem schwierig war, sich zu vernetzen, obwohl viele Patienten zwischen 20 und 30 Jahren ihre Diagnose bekommen.

George ist kreativ und hat Ideen. Gemeinsam mit Freunden, unter denen sich auch Freddie Yauner befand, der Multiple Sklerose von seiner erkrankten Tante kennt, setzte er die Idee einer MS Plattform speziell für junge Erwachsene mit dieser Krankheit um. Auf der Plattform sollte es möglich sein, sich auszutauschen, neue Kontakte zu finden und Tipps und Informationen von Gleichgestellten zu erhalten. Shift.ms wurde entwickelt. Zunächst gingen die beiden Freunde im richtigen Leben auf die „Suche“ nach jungen Patienten, das war vor etwa sechs Jahren, vor vier Jahren ging die shift.ms-Community auch im Internet online.

Die Plattform ist jung, bunt und kreativ. Sie verändert sich ständig und wird mit den Spendengeldern, die das Projekt erhält, immer wieder erweitert und aktualisiert.

Niemand soll sich alleine fühlen

Einer der wichtigsten Grundsätze: No MSer should feel alone – Kein MS Patient sollte sich alleine fühlen.

Shift.ms ist lebendig und anders. Die steife Sachlichkeit fehlt, ohne dass wichtige Inhalte verloren gehen. Kommuniziert wird leicht, verständlich, transparent und in fröhlichem Ton. Selbst richtig ernste Fragen werden so einfacher zu erklären und zu verstehen. Mit Hauptsitz in Großbritannien ist es natürlich klar, dass zunächst viele englisch sprechende Netzwerker in die Runde kamen, aber der Kreis erweitert sich, auch aus anderen Ländern kommen Mitglieder ins Netzwerk. Rund 5300 Mitglieder sind es und „Das Netzwerk wächst täglich“, so Freddie.

Ich traf Freddie und George vor drei Jahren bei einem Summit, und das Erste, was mir die Jungs ans Revers klebten, war der Aufkleber von Shift.ms. Die Sprechblase, die offen und freundlich grün leuchtend neugierig macht.

In verschiedenen Themenbereichen gibt es viel zu entdecken.

In „MS“ wird die Erkrankung in groben Zügen erklärt, ein Neuling kann erste Eindrücke gewinnen, auch die Ziele und Vorhaben vom Team können dort nachgelesen werden.

Wer mag, kann sich in der Community ausbreiten, sich mit anderen bekannt machen, die Chatfunktion nutzen und Fragen stellen.

Sex, Drugs and Rock'n Roll?

„Sex, Drugs and Rock’n Roll“gefällig? Teilweise lustige Dialoge, amüsanter Austausch, aber auch Fragen zu Therapien oder Beschwerden sind hier zu finden. Jeder, der etwas zu den genannten Themen sagen kann, ist gefragt. Denn auch hier spürt man das, was shift.ms ausmacht: das Miteinander. Damit eben keiner alleine ist.

Im Magazin finden sich Beträge von Gastautoren und Gastautorinnen, Projekte und Veranstaltungstipps, und Gemischtes. Menschen mit MS erzählen über sich und ihre Erlebnisse, es wird über Jobs gesprochen und was man dort erlebt und vieles mehr.

PHT – Peoples Hot Topics - Ein Bereich mit Videos klärt auf. Und zwar über heiße und gefragte Themen. Was ist progressive MS? Was tut man bei Problemen im zwischenmenschlichen Bereich und wenn es um körperliche Liebe geht? Auch emotionale Schwierigkeiten wie Despressionen sind dort im Gespräch, denn es sind Themen, die MS-Patienten oft belasten und das Leben negativ beeinflussen. Der Nutzer findet Tipps, Tricks und gute Informationen, die eigene Gedanken zulassen und neue Wege eröffnen können. Spezialisten wie Sexualtherapeuten, Neurologen und Fachschwestern erklären in Videos Zusammenhänge, Fakten und Lösungsmöglichkeiten.

Neu seit diesem Jahr sind die Gruppen. Begonnen hat es mit der Gruppe shift.ms UK und ständig kommen neue Gruppen dazu. Junge Eltern mit Multiple Sklerose sind vertreten, genauso wie Musikgruppen und, last, but not least, auch Ländergruppen, in denen die entsprechende Landessprache genutzt wird und so neue Perspektiven für Neugierige eröffnen, die vielleicht mit ein wenig Sprachproblemen kämpfen.

Neu ist die Gruppe „shift.ms – Germany“, die ich mit George und Freddie für deutsche „Youngsters“ eingerichtet habe. Noch sind wir nicht groß, aber wir wachsen und Teilnehmer, Themen und Ideen sind jederzeit willkommen.

In einer wichtigen Lebensphase

Ein Portal, besonders für junge Patienten, die mitten in einer wichtigen Lebensphase eigentlich ihre Zukunft gestalten wollen, und deren Pläne und Träume im ersten Moment zerplatzen wie Seifenblasen. Dass das nicht sein muss beweisen George und Freddie und ihre Community immer wieder.

Sie haben diese Situation verfilmt. Der Kurzfilm „Gallop“ erzählt eindrucksvoll die Geschichte von Dave, die lebensnaher nicht sein könnte. Er bekommt die Diagnose und muss lernen, damit zu leben.

Eine kreative Idee, die jungen Patienten hilft, ihr Leben mit MS anzupacken. Und eine Plattform, die nicht in ernste Worte verfällt, sondern fröhlich und doch sachlich Informationen transportiert und Menschen vernetzt.