Prof. Dr. Christian Franken im Portrait
Körper und Seele

Lernen von den Niederlanden

Unser Chefapotheker Prof. Dr. Christian Franken hat in der aktuellen Ausgabe des Monitors Versorgungsforschung über die Unterschiede beim Rezeptprozess geschrieben und wünscht sich das niederländische System als Vorbild:

Sicherlich, ein Vergleich von Gesundheitssystemen hinkt immer, auch der konkrete Vergleich von Teilbereichen sehr ähnlicher Systeme – wie des niederländischen und deutschen Gesundheitssystems – weist zumeist strukturelle Schwächen auf. Dennoch darf ein Blick in die Nachbarländer erlaubt und sinnvoll sein, zumal dann, wenn Prozesse im Inland ein wenig anachronistisch erscheinen und keinen wirklich relevanten Systembezug aufweisen. Ein lohnendes Beispiel ist der Medikationsprozess, welcher in den Niederlanden sicherlich um einiges effizienter und sicherer verläuft, als in Deutschland.

Blick in die Niederlande

Wie sieht es in den Niederlanden aus? Das Papierrezept hat seit geraumer Zeit ausgedient, es ist nur noch in Ausnahmesituationen zugelassen. Die Übergangsregelung für die wenig verbliebenen Ärzte, die sich diesem neuen Verfahren noch nicht angeschlossen haben,  endet zum 01.01.2015.  Die Therapiehoheit liegt selbstverständlich auch hier beim Arzt, der Apotheker trägt jedoch de jure eine Mitverantwortung bei der Medikation! Was bedeutet dies in Konsequenz? Unter jeder Verordnungszeile auf einem Rezept muss die Dosierung aufgeführt werden, die dann vom Apotheker geprüft werden muss; mehr noch: der Apotheker hat Zugriff auf relevante Vitalparameter und lässt dies somit u.a. in die Dosierungsüberprüfung einfließen. Ebenfalls muss bei derzeit 23 Arzneimitteln zusätzlich die Indikation auf dem Rezept vermerkt sein; dies sind Arzneimittel, die sich durch eine geringe therapeutische Breite, unterschiedliche Dosierungsregime oder aber verschiedene Indikationsmöglichkeiten auszeichnen. So muss in Konsequenz zusätzlich eine Kontraindikationsprüfung durch den Apotheker durchgeführt werden. Die Liste der Arzneimittel, bei denen die Indikation zusätzlich zu vermerken ist, wird kontinuierlich erweitert.

Umgekehrt hat der Arzt in der Regel ebenso in den meisten Fällen einen direkten Zugriff auf die Apothekendaten. Wir reden hier allerdings nur von Rx, OTC werden nur in Ausnahmefällen (bei individuellen Absprachen zwischen Arzt, Patient und Apotheker) auch für den Arzt einsehbar . Sicherlich ein Hinweis, den man aus Deutschland aufnehmen könnte. Jedoch findet der OTC Warenverkehr nur zu etwa 5% in der Apotheke statt.

Rezept wir elektronisch verordnet

Zurück zum Rezept: Der Arzt verordnet also elektronisch, er sendet das Rezept in die Apotheke, die ihm vom Patienten genannt wird. Wenn der Patient also in die Apotheke seines Vertrauens kommt, so sind dort bereits alle relevanten Prüfungen durchgeführt, Rückfragen zumeist schon mit dem Mediziner geklärt, und somit liegt kein fehlerbehafteter und ineffizienter Medienbruch wie in Deutschland vor. Der Apotheker kann sich nun direkt um den Patienten kümmern und ihm alle Informationen mit auf den Weg geben. 

Alle genannten Informationen müssen de jure von Arzt und Apotheker geteilt werden, dies ist der kleinste gemeinsame Nenner. Sie können darüber hinaus noch mehr Informationen teilen, wenn sie dies für notwendig erachten. Voraussetzung ist eine elektronische Patientenakte, ohne diesen Baustein funktioniert das gesamte System nicht. Auch wenn dieser Weg in den Niederlanden bereits vor einiger Zeit eingeläutet wurde und nicht immer in vollständigem Einklang zwischen Ärzten und Apothekern vonstatten ging, so gelang es zumindest eine Kompromiss zu finden, der eine hohe messbare Sicherheit und Effizienz im Medikationsprozess gewährleistet. 

Die Cross Border Health Directive versucht nun, in Grundzügen Mindestanforderungen innerhalb der EU zu implementieren. Bleibt zu hoffen, dass diese Grundzüge erst der Anfang eines Wandels hin zu einem sicheren, messbaren und effizienten Medikationsprozess sind. Einige EU Staaten, wie die Niederlande, machen uns vor, wie Medizin und Pharmazie heute auch bei uns funktionieren können. Ich bin mir sicher, die Pharmazeuten sind fachlich ebenso gerüstet wie die Mediziner.